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Spiele #1 - Das Taschenrechner Spiel

In der Reihe Spiele zeige ich euch, wie ihr in Simulationen spielerisch erleben könnt, was agiles Arbeiten bedeutet und wie es sich anfühlt.

Letzte Woche habe ich Dir von der Retrospektive erzählt und davon, dass diese Methode für jedes Team wertvoll sein kann.

 

Hast Du Lust auf Spaß?! Willst Du Deinem Team Appetit auf agiles Arbeiten und Retrospektiven machen? Dann habe ich da was für Dich :-)

 

Zwar heißt das Spiel "Taschenrechner Spiel", aber keine Angst - niemand muss hier kompliziert Kopfrechnen. Dafür darf sich Dein Team auf jede Menge Spaß, Bewegung und Lernmomente freuen. Und für Dich ist die Vorbereitung auch absolut unkompliziert. Probiere es gleich einmal aus!

Das Taschenrechnerspiel

Ich habe das Spiel bei einem Workshop kennengelernt. Ein Trainer von den HR-Pioneers hatte es mitgebracht. 

Ziel des Spiels ist es zu erfahren, wie ein Team mit Hilfe von Retrospektiven in einem iterativen Prozess, also einem Vorgehen in mehreren Etappen, seine Zusammenarbeit immer weiter verbessert. So löst es von Runde zu Runde die ihm gestellte Aufgabe immer besser.

Vorbereitung

Für das Spiel brauchst Du je nach Anzahl der Mitspieler ein rechteckiges Spielfeld von ca. 3 x 4 Meter Größe. Außen um das Feld sollte ausreichend Platz sein, dass sich die Spieler dort gut bewegen können. Dazu reicht in der Regel ein normaler Besprechungsraum bei dem Tische und Stühle an den Rand geräumt wurden. Das Spielfeld markierst Du am besten mit ein paar Metern Malerkrepp.

 

Außerdem bereitest Du 40 Moderationskarten vor auf denen jeweils eine gut lesbare Zahl von 1 bis 40 steht. Wenn Du das Spiel noch etwas spannender machen möchtest, dann lässt Du dabei die 6 und die 9 ganz genau gleich aussehen! Statt Moderationskarten kannst Du natürlich jede andere Art von etwa postkartengroßen Papieren benutzen.

 

Zusätzlich brauchst Du noch ein Flip Chart oder ein Whiteboard und ein paar Stifte. Schließlich noch eine Stoppuhr oder Dein Smartphone.

Mitspieler

Das Taschenrechner Spiel ist ein Gruppenspiel. Es funktioniert am besten in Gruppen ab 5 Personen. Ich habe es aber auch schon mit fast 20 Personen in einer Gruppe gespielt. Da brauchst Du dann natürlich etwas mehr Platz. Das Spielfeld sollte so groß sein, dass alle Mitspieler an den Rändern des Spielfeldes gut Platz finden. Bei deutlich mehr als 10 Mitspielern und ausreichend Platz kannst Du auch in mehreren Gruppen parallel spielen lassen.

Spielregeln

Das Team bekommt die Aufgabe alle Zahlenkarten in aufsteigender Reihenfolge von Eins bis 40 zu berühren. Sollte das vor Ablauf der Zeit gelingen, kann wieder bei Eins begonnen werden. Theoretisch sind also unendlich viele Zahlen verfügbar.

 

Damit das nicht zu einfach wird, gibt es ein paar Regeln zu beachten:

  • Jeder Mitspieler muss je Spielrunde mindestens eine Zahl berühren.
    • Mit welchem Körperteil diese Berührung erfolgt ist völlig egal.
  • Zu jedem Zeitpunkt darf nur genau eine Person im Spielfeld sein.
    • "Im Spielfeld" bedeutet, dass sich mindestens ein Körperteil des Mitspielers in oder über dem Spielfeld befindet.
  • Die Zahlen werden in aufsteigender Reihenfolge berührt. Es wird in der Reihenfolge keine Zahl ausgelassen. Nach der 40 geht es gegebenenfalls mit der Eins weiter.

Es ist hilfreich, die Regeln auf ein Flipchart zu schreiben und an die Wand zu hängen, so dass sie jeder jederzeit nachlesen kann.

Ablauf

Vor dem Spiel verteilst Du alle 40 Karten zufällig im Spielfeld. Auf dem Whiteboard bereitest Du eine Tabelle mit drei Spalten vor:

Runde - Schätzung - Ergebnis. Das Spiel wird über 5 Runden gespielt.

 

Vor der ersten Runde erklärst Du den Spielern die Spielregeln - Du kannst Sie auch gerne zusätzlich auf ein Flipchart schreiben und an die Wand hängen, damit sie jeder noch einmal nachlesen kann. Wirst Du gebeten, die Regeln genauer zu erläutern, dann verweist Du einfach nur auf den Text an der Wand. Dein Team wird auch im Alltag nicht jede Regel, an die es sich halten muss von einem Experten erklärt bekommen.

 

Danach bekommt das Team eine Minute (bei sehr großen Gruppen gerne auch zwei Minuten) Zeit, um zu besprechen, wie sie die Aufgabe bewältigen wollen. Gegen Ende der Besprechungszeit bittest Du um eine Schätzung, bis zu welcher Zahl die Gruppe kommen wird und schreibst diese Zahl in die vorbereitete Tabelle.

Die anschließende Spielrunde dauert eine Minute. Als Spielleiter achtest Du darauf, dass sich alle an die Regeln halten.

Am Ende notierst Du das erreichte Ergebnis ebenfalls in der vorbereiteten Tabelle.

Nach jeder Runde bekommt das Team erneut eine (zwei) Minuten Zeit, sich zu beraten, um die Zusammenarbeit im Team zu verbessern.

 

Schreibe die Dauer der Besprechungen und der Spielrunden auf die Tabelle mit den Ergebnissen oder auf das Blatt mit den Spielregeln, so hat jeder die Zeiten immer vor Augen.

Beobachtungen

Du wirst beobachten können, dass Dein Team von Runde zu Runde mehr Zahlen schafft. Eventuell geht auch einmal eine Optimierung nach hinten los und in einer Runde gibt es einen Rückschritt.

Ich habe auch schon ein Team erlebt, dass nicht immer mehr Zahlen schaffte, dafür aber immer besser absicherte, dass keine Fehler passieren können.

Ich habe es noch nie erlebt, dass keine Steigerung in der einen oder anderen Richtung passierte.

Nachbesprechung

Nach der letzten Runde brauchst Du ein leeres Flipchart. Du fragst die Mitspieler, was sie gerade erlebt haben und notierst die Antworten in Stichpunkten.

Frage nach einer Weile gerne mal, wer Chef gewesen ist. Meistens lautet die Antwort "Keiner" manchmal auch "Jeder" - das passt sehr gut zu der agilen Idee der selbstorganisierten Teams.

Frage auch, warum das Team versucht hat, sich von Runde zu Runde zu steigern. Es hat doch niemand eine entsprechende Vorgabe gemacht! Du hast ja immer nur betont, dass das Team seine Zusammenarbeit verbessern soll.

Wenn Du merkst, dass die Antworten weniger werden, Frage, ob das Ergebnis der letzten Runde auch erreicht worden wäre, wenn Du gleich zu Anfang die komplette Beratungszeit von 5 bzw. 10 Minuten gegeben hättest und danach nur genau eine Spielrunde gespielt würde. Ich habe noch nie erlebt, dass eine Gruppe sich das zugetraut hätte.

Frage, warum sie sich das nicht zutrauen! Sie werden Dir erzählen, dass das Ausprobieren und Lernen aus den gemachten Fehlern fehlen würde.

Erkläre, dass jede dieser Besprechungen eine Retrospektive gewesen ist, in der das Team in die Vergangenheit zurück geguckt hat und daraus für die Zukunft lernen konnte. 

Jede Spielrunde ist das, was man in der agilen Welt eine Iteration nennt. 

Frage, wie oft sich das Team im Alltag solche Lernmomente gönnt. Erkläre, dass es nicht reicht, nur ein- oder zweimal im Jahr so eine Retro zu machen. Lies dazu mehr in meinem Artikel aus der letzten Woche.


Tipp

Gucke mal auf die Ergebnisse der ersten und der besten Runde. Meistens siehst Du dort ganz erhebliche Steigerungen. Wenn du nach drei Iterationen das Gefühl hast, das Team ist nicht mutig genug, mal was anderes auszuprobieren, feuere es ein wenig an: Andere Teams haben schon xx Punkte erreicht! Dabei wählst Du die Zahl gerne deutlich größer, als das bisher erreichte.


Agiles Arbeiten live erleben! Das hat hoffentlich viel Spaß gemacht. Nächste Woche stelle ich zur Abwechslung mal ein Buch vor, an dem ich mitwirkten durfte.

 

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Kommentare: 4
  • #1

    Melanie (Samstag, 03 August 2019 17:48)

    Vielen Dank für die ausführliche Beschreibung! Eine Frage habe ich jedoch: Wenn das Team die Reihenfolge nicht einhält (z. B. nach der 4 die 6 antippt) muss es dann wieder mit der 1 starten?
    Gruß
    Melanie

  • #2

    Thomas Jorré (Sonntag, 04 August 2019 09:46)

    Moin Melanie,
    vielen Dank für deine Frage. Als Moderatorin beobachtest du die Gruppe beim Spielen. Wenn sehr viele Fehler gemacht werden, kannst du die nächste Planungsrunde/Retrospektive mit dem Hinweis einleiten, dass noch viele Fehler gemacht wurden. Die Gruppe wird dann sicher darauf reagieren. Neu starten muss sie aber nie.
    Nach der letzten Runde, wenn ihr über das erlebte sprecht, fragst du, wir sie mit Fehlern umgegangen sind. Manche Gruppen sind sehr genau und optimieren in Richtung Fehlervermeidung, andere optimieren in Richtung Quantität und nehmen ein paar Fehler in Kauf. Meist passt das Verhalten zu deren Jobprofil. Beides ist ok. Interessant ist vor allem herauszuarbeiten, das optimiert wurde, obwohl du in der Anleitung nur die Optimierung der Zusammenarbeit forderst, nicht mehr Qualität oder mehr Quantität. Das passiert in der Regel intrinsisch ohne Anweisung einer Führungskraft und ist für viele daher an sich schon bemerkenswert.
    Viel Spaß beim Spielen!
    Liebe Grüße
    Thomas

  • #3

    Melanie (Sonntag, 04 August 2019 10:43)

    Hi Thomas,
    vielen Dank für die schnelle Antwort! Ich werde es mit einer Gruppe im September testen und bin sehr gespannt darauf welche Erkenntnisse die Gruppe sammelt! Deine Tipps zu den Fragen für den Transfer werden sicher dabei unterstützen.

    Eine schöne Seite hast du übrigens, auf die nur zufällig gestoßen bin. Ich werde sicher nun häufiger mal rumstöbern.
    Viele Grüße
    Melanie

  • #4

    Thomas Jorré (Sonntag, 04 August 2019 11:21)

    Vielen Dank und viel Spaß beim Ausprobieren!